Sonja Ablinger

“The advantage of being a woman artist….

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….knowing your career might pick up after you’re eighty”

…schreiben die Guerilla Girls auf einem ihrer Plakate. Die Guerilla Girls gibt es seit 1985. Sie machen mit gewitzten Aktionen den Auschluss von Frauen und Nichtweißen im Kunstbetrieb zum Thema. Ihr Markenzeichen sind Gorillamasken.
Der strukturelle Frauenausschluss hat eine lange Geschichte ist aber noch immer ein akutelles Thema wie sich in einigen Medienberichten widerspiegelt.

„Frauen sind nur selten mit schöpferischem Geist auf dem Gebiet der großen Kunst ausgestattet, weshalb im Falle der Zulassung von Frauen zum Studium an der Akademie ein ‚Überhandnehmen des Dilettantismus und ein Zurückdrängen des männlichen Elementes’ zu befürchten ist.“

Mit dieser Begründung wurde bis vor 100 Jahren die Bewerbung von Frauen an Kunstakademien abgelehnt. Glücklicherweise hat sich seitdem viel verändert und verbessert und kein ernst zu nehmender Mensch würde Frauen heute „Dilettantismus“ oder fehlenden „schöpferischen Geist“ unterstellen. Einige Jahrzehnte später kann frau vom großen Durchbruch aber eben nicht berichten.

„Auch wenn sich in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen abzeichnen, haben sich – trotz scheinbarer Emanzipationsfreundlichkeit des Kunstbetriebs – patriarchalische Strukturen in den großen Kunstinstitutionen gut gehalten”,

berichtet die Kunsthistorikerin Gabriele Horn in einem interessanten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen. Acht Kunst-Frauen äußern sich darin über Feminismus, Emanzipation und die Frage ob ihr Geschlecht in ihrem Beruf eine Rolle spielt. Die Produzentin Gudrun Gut beschreibt, dass

„Frauen in der Musikbranche nach wie vor als Außenseiter gehandelt werden.“

Die Verlegerin Elisabeth Ruge zeigt auf,

„der Friedenspreis des deutschen Buchhandels bis heute im Schnitt einmal pro Jahrzehnt an eine Autorin geht und es sich erst seit den neunziger Jahren bei der Vergabe des Literaturnobelpreises etwas ausgewogener darstellt, um nach wie vor eine gewisse Schieflage zu konstatieren.”

Auch in Österreich weisen die Daten eine Schieflage aus, um es sanft zu formulieren. Das Kulturjournal auf Ö1 hat dieser Tage (23. Jänner 2013) einen Beitrag  über eine Statistik verfasst, die ich im Vorjahr zusammengetragen habe. Ich habe hier auch schon mal über meine Geschlechterauswertung in Kulturinstitutionen, 2009|2013 berichtet. Basis dieser Zahlen ist die Anfrage, dich an habe ich an die Intendatinnen und Intendanten jener 18 Kultureinrichtungen gestellt habe, die mindestens 400.000 Euro Kulturförderung des Bundes erhalten. (Über alle Kultur- und Kunstförderungen des Bundes findet man Informationen im Kulturbericht und im Kunstbericht des Ministeriums.)

In diese Kategorie fallen jene Einrichtungen:

bei Musikveranstalter: Gesellschaft der Musikfreunde, Wiener Konzerthausgesellschaft, Klangforum Wien,

bei Festivals: Salzburger Festspiele, Bregenzer Festspiele, steirischer herbst

die Bundestheater: Wiener Staatsoper, Volksoper, das Burgtheater und Akademietheater

bedeutendere (Klein)bühnen: Volkstheater, Schauspielhaus Wien, Theater in der Josefstadt, Theater in der Jugend

die Bundesmuseen: Kunsthistorisches Museum, Albertina, Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok), Österreichische Galerie Belvedere

Und so lassen sich die Antworten zusammenfassen:

Besonders auffallend männlich geprägt ist die Musik: Die Wiener Staatsoper hat eine 100prozentige Männerquote in allen Sparten und allen Jahren. Das Klangforum führt nach Auskunft keine Statistiken.

Im Theaterbereich fällt das Schauspielhaus positiv auf. Es ist in den Jahren 2007 bis 2013 immer zweistellig in Regie und Autorenschaft, was den Frauenanteil betrifft. Der Frauenanteil in der Regie reicht von mindestens 33 bis zu 63 Prozent und bei Autorinnen von 15 bis 50 Prozent. Im Burgtheater sind für vier von acht Premieren 2012/13 Frauen für die Regie gemeldet worden, das wären dann 50 Prozent, nachdem es in den Jahren davor 18, null und 13 Prozent waren. Ich fand allerdings bei der Recherche nur drei. (Das kann aber auch mein Fehler sein.) Leichter tut man sich beim Zählen der Autoren: Die blieben all die Jahre unter sich. Autorinnen wurden im Burgtheater nicht inszeniert. Nur im Akademietheater und Kasino kommen fallweise Frauen auf die Bühne. Die Josefstadt hatte von der Spielzeit 2009/10 bis 2012/13 sieben, null, 23 und 15 Prozent Autorinnen. In der Regie meldete das Haus sieben, 14, null und 23 Prozent. Das Theater der Jugend bevorzugt die Zahl 13. Jedenfalls über all die Jahre für den prozentuellen Frauenanteil bei Autorinnen, auch in der Regie. Allerdings inszenierte in der vorigen und aktuellen Spielzeit keine Frau.

Bei den Salzburger Festspielen gibt es 2012 im Schauspiel einen ‘Ausreißer’ was den Frauenanteil in der Regie betrifft. Ansonsten bleibt der Anteil an Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen (eine 2011), Komponistinnen (eine einzige 2009), Librettistin (eine 2011) im Wesentlichen kleiner/gleich drei. Vorbildlich antwortete der steirischer herbst. Die Intendantin sandte ein Buch, das 2007 herausgegeben wurde. Darin sind alle Teilnehmerinnen des Festivals von 1986 bis 2007 genannt und der Frauenanteil pro Jahr ist ausgewiesen. Insgesamt nahmen im Durchschnitt in diesen 40 Jahren 25 Prozent Künstlerinnen teil. (1968 waren es 12,4 Prozent und im Jahr 2007 wurden 36 Prozent Frauen eingeladen. Einige Wochen später wurden die Zahlen für die Jahre 2008-2011 nachgereicht. Insgesamt waren in diesem Zeitraum 907 KünstlerInnen (in quasi leitenden Funktionen) engagiert, davon 359 Künstlerinnen und 548 Künstler. Das ergibt einen Frauenanteil von 40%

Was die Museen betrifft, so haben lediglich das mumok und das MAK Geschlechterauswertungen übermittelt. Das MAK hat in Einzelausstellungen im Zeitraum von 2009 bis 2012 (einschließlich MAK Nites, das sind einabendliche Einzelpräsentationen, sowie Ausstellungen in den Exposituren in Brtnice bzw. Los Angeles) Arbeiten von 34 Künstlern und 13 Künstlerinnen gezeigt haben. Bezieht man die Zahlen auf mehrmonatige Präsentationen im MAK, so ergibt das einen Frauenanteil von acht Prozent. Es wurden die Arbeiten von 22 Künstlern und zwei Künstlerinnen in diesen Kategorien präsentiert. Ganz anders sieht die Geschlechterverteilung im mumok aus: zwischen 2009 und 2012 beträgt der Frauenanteil bei Einzelausstellungen 22, 40 und in den letzten beiden Jahren jeweils 50 Prozent.

Keine Antworten erhielten wir von der Gesellschaft der Musikfreunde, der Wiener Konzerthausgesellschaft, den Bregenzer Festspielen, der Volksoper, dem Volkstheater, dem KHM, der Albertina und dem Belvedere.

Über das „Theater in Frauenhand” berichtet übrigens auch Anna Badora. Die heutige Intendantin des Grazer Schauspielhaus war im Jahre 2005 als Generalintendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses Gastgeberin eines Hearings. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Standortbestimmung: Theaterfrauen in Spitzenpositionen” und fand am 28. Oktober 2005 statt. (Einen ausführlichen und interessanten Berichtsband über alle Vorträge kann man hier herunterladen.)

Anna Badora erzählt, wie sie sich die Anerkennung hart erarbeiten musste und erinnert an ein Gespräch mit einem einem Lokalpolitiker, der sie zu Beginn ihrer Intendanz ungefragt auf den starken Gegenwind von Kulturpolitik und Medien anspricht: „Meinen Sie, Sie haben Probleme, weil Sie Polin sind?” „Nein.” „Meinen Sie, Sie haben Probleme, weil Sie eine Frau sind?” „Ja.”

Lässt sich das ändern? Ja. Regelmäßige Geschlechterauswertungen, die veröffenlicht werden, sind eine Möglichkeit, die „Schieflage” zu thematisieren. Im Kulturauschuss im Dezember 2012 haben wir einen entsprechenden Antrag beschlossen. Sinnvoll wären auch Rahmenzielvereinbarungen mit dem Auftrag um Geschlechterausgewogenheit zu erweitern und Förderungen in einem gewissen Ausmaß daran zu knüpfen. Eine fast 100prozentige Männerquote entspricht nämlich nicht dem kulturpolitischen Auftrag. Von ‚innovativ‘ und ‚pluralistisch‘, wie im Bundestheaterorganisationsgesetz gefordert, kann ja nicht die Rede sein, wenn Künstlerinnen nicht nur die gefühlte sondern auch die gezählte Minderheit sind.

Silke Hassler  bringt es in ihrem Statement „Kunst und Genitalien. Eine Betrachtung“ treffend auf den Punkt:

Es gibt genauso viele gute und schlechte Stücke von Frauen wie von Männern. Wenn, dann unterschieden sie sich in ihren Themen, in ihren Haltungen. Die Dramatik lebt in einem hohen Maße von Erfahrungen in der Wirklichkeit, und die sind einfach unterschiedlich. Aber letztendlich ist es eine Frage der Qualität, und nicht, ob der Ursprung eines Stückes Eier oder Eierstöcke sind. Es ist Ihnen als Theaterbesucher und Besucherin vermutlich völlig egal, ob Sie sich bei einem Stück eines Autors oder einer Autorin fadisieren. Langeweile ist eine genitalfreie Empfindung. Ich plädiere ausschließlich für eine gerechtere Betrachtung. Aber um gerechter betrachtet zu werden, muß man erst einmal gespielt werden.

Darum geht es.

 

 

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